In schwierigen Zeiten – eine Reise mit dem „Traumschiff“

Es zählte wohl zu den größten Schiffschaukeln aller Zeiten, seine Ausmaße waren gigantisch, die Kosten die es verschlang ebenso. Die Rede ist von der einstigen Riesengroßschaukel „TRAUMSCHIFF“, welches in den 80er Jahren und 90er Jahren immer für großes Staunen auf den Festplätzen sorgte. Besitzer des „Traumschiffs“ waren die bekannten Schausteller Rudi Bausch und sein damaliger Geschäfts-Partner Egon Menzel, beide in München ansässig.

 „Pirat und Hanseatic“

Gerade den älteren Lesern dürften auch noch die „Pirat“, oder „Hanseatic“-Anlagen aus den 70er Jahren bekannt sein, die häufig auf den Festplätzen zu finden waren. Auch diese Anlagen stammten damals schon überwiegend von der bekannten Herstellerfirma HUSS aus Bremen und sind heute noch in vielen Freizeitparks auf der ganzen Welt zu finden. Diese „Piraten“, oder eine Anlange hieß    z. B. auch „Alte Liebe“ (aktuell im Skyline Park zu finden), hatten meist eine Kapazität von knapp 60 Personen. Der Riesenerfolg dieser Schaukelschiffe machte es sogar einmal auf dem Oktoberfest notwendig, dass man 2 dieser „Piraten“-Schiffe hintereinander aufbaute um die vielen Gäste „wegfahren“ zu können.

Zu dieser Zeit waren auch Freizeitparks auf der ganzen Welt und vor allem auch in Japan so „in“, dass es gewaltige Anstürme auf diverse Attraktionen gab. Um diesem „Ansturm“ auf Dauer entgegentreten zu können entwickelte daraufhin Anfang der goldenen 80er Jahre die Firma HUSS ein Riesenschiff gigantischen Ausmaßes, welche alle bisher bekannten Schaukelkonstruktionen in den Schatten stellte. Der „Toshimaen Amusementpark“ in Japan war seinerzeit der Auftraggeber dieser Konstruktion. Die Verantwortlichen in Japan hatten schon früher Aufträge an die Firma HUSS erteilt (darunter eben auch einen „Piraten“) und da wohl die Kapazität eines „normalen Piraten“ nicht mehr ausreichte stießen sie diesen Auftrag an. Die Firma HUSS konstruierte nun eine Anlage mit 2(!) Schiffen und einer Personenkapazität von JEWEILS 120(!) Fahrgästen! Somit erreichte man in Japan eine Stundenkapazität von 2.400 Personen. Erstaunlicherweise sind auch heute noch die beiden 34 Meter hohen „Flying Pirates“ in Japan zu bestaunen und üben in dem Park in der Nähe von Tokio eine enorme Anziehungskraft auf die Besucher aus.

„Etwas Großes für Deutschland musste her“

Und eben auch genau Anfang der 80er Jahre überlegten die beiden Münchner Schausteller Rudi Bausch und Egon Menzel etwas Einzigartiges auf deutsche Festplätze zu bringen. Groß sollte es sein, von weitem zu sehen sollte es sein und transportabel musste es natürlich sein, da man diese Neuheit auf allen großen und namhaften Veranstaltungen in Deutschland präsentieren wollte. Natürlich spielte auch die „Wirtschaftlichkeit“ eine große Rolle und es musste für bestimmte Veranstaltungen dementsprechende Kapazitäten (vor allem auch für die berühmte Münchner Wies´n) bieten.

Auch aufgrund des in München notwendigen gewordenen Aufbaus des „Doppel-Piraten“ trat man deshalb an die Firma HUSS heran, welche die beiden Schausteller auf die in Japan erfolgreichen Schaukelschiffe Aufmerksam machte. Von der Idee überzeugt gaben sie nur wenige Monate später eine transportable Version bei HUSS in Auftrag.

Premiere Hamburger Sommerdom 1984

Schon am Sommerdom 1984 konnte dann bereits Premiere gefeiert werden. Das auf den Namen „Traumschiff“ getaufte Karussell schaukelte die ersten mutigen Passagiere in den Hamburger Himmel.

Ausmaße

Die Konstruktion sprengte – wie eingangs schon erwähnt – alle Rekorde. Das Grundmaß betrug satte 37 x 24 Meter. Hoch war das Traumschiff knapp 35 Meter. Man bewarb das „Traumschiff“ als das größte, transportable Schiff der Welt – und dies mit Recht! Bis heute wurde auch tatsächlich keine größere Anlage mehr konstruiert und gebaut, denn auch Schaukeln wie z. B. „Konga“ oder „Frisbee“ kamen nie an die Größe des „Traumschiffes“ heran. Lediglich mit der Höhe können sich z. B. Schaukeln aus dem Hause KMG messen.

Nach seiner Premiere 1984 in Hamburg gastierte das „Traumschiff“ noch auf dem Pützchens Markt in Bonn und sein dritter Platz war dann bereits sein Heimathafen „Münchner Oktoberfest“. Dort fand es viele begeisterte Passagiere. Darunter war u. a. auch der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. Ihn konnte man sogar öfter mal im „Traumschiff“ mitfahren sehen.

Transport

Nun Größe hat aber auch seine Nachteile, denn aufgrund seiner enormen Maße konnte der Schaukelgigant nur auf den großen Festplätzen der Bundesrepublik aufgebaut werden. Alleine 14 Transporte waren nötig um das Karussell von einem auf den anderen Platz umzusetzen. Sogar das Schiff selbst – dieses war rund 17 Meter lang – war in der Mitte einmal längs geteilt um es überhaupt „fahrbar“ machen zu können. Deshalb gab es auch oft erstaunte Blicke wenn die beiden halben Schiffsteile durch die Städte Richtung Festplätze rollten. Auch der Schaukelradius mit 56 Metern war zur damaligen Zeit eine Sensation. Ebenso der Aufbau. Nachdem das Gerüst aufwendig mit dem einem Kran nach oben gehievt war, mussten z. B. die beiden Schiffshälften incl. Transportanhänger ins Zentrum des Kolosses eingehoben und zusammengefügt werden.

Die 4 Masten bestanden aus jeweils drei Segmenten. Sie besaßen je einen eigenen Transport für das untere Maststück. Die weiteren benötigten Mastteile wurden dann auf Spezialhängern Richtung Festplatz transportiert. Die Schaukelachse oder auch Nabe genannt war ebenfalls ein eigener Transport und wog alleine schon satte 13 Tonnen. Die Auf- und Abbauaktionen waren damals nur mit einem 160-Tonnen-Autokran zu bewerkstelligen, welcher seinerzeit schon Unsummen an Kosten verschlang. Rudi Bausch erzählte einmal, dass sein Steuerberater alleine die Krankosten in den zehn Jahren in dem er mit Kompagnon Egon Menzel das „Traumschiff“ betrieben hat mit über einer halben Million Euro berechnet habe! Nur der Krankosten wohl bemerkt! Dies wäre heute um ein vielfaches teurer und wohl nicht mehr finanzier- oder gar einspielbar.

Technik

Das „Traumschiff“ war schon echt etwas Besonderes! In jeder Hinsicht. Der Fahrstand z. B. war in Form eines Leuchtturmes konstruiert und nur von dort aus konnte der Operator alles gut von oben überblicken. Das Schaukeln wurde über eine Achse mit 2 Reibrädern bewerkstelligt (also auch genauso wie man es vom bekannten Frisbee des gleichen Herstellers her kennt), welche im Mittelbau gegen die gerundete Unterseite des Fahrgastträgers drückten. Schon damals nutze man dafür Gleichstrommotoren. Die Antriebseinheit besaß eine komplizierte Luftfederung um die gewaltigen Aufschläge des Schiffes abzufangen. Angetrieben wurde der Koloss mit einem starken 300 PS Motor.

Reduzierung der Kapazität

Insgesamt 10 Jahre war das „Traumschiff“ eine markante Karussellkonstruktion auf vielen Festplätzen. Anders wie in Japan war jedoch die Kapazität von 120 Personen pro Fahrt wohl doch etwas zu viel des Guten in Deutschland, denn nicht einmal auf dem großen Oktoberfest schaffte man es häufig genug das Schiff komplett voll zu bekommen, weshalb wohl auch nach einer gewissen Zeit eine Sitzplatzreduzierung auf 100 Personen erfolgte. Der Einfachheit halber „verschalte“ man dazu einfach die beiden mittleren Sitzreihen und postierte Passagier-Schönheiten in Form von Schaufensterpuppen auf dem „Deck“ die nun jede Fahrt leicht „bekleidet“ absolvierten!

Das Ende einer Groß-Ära

Letztendlich zu schwer, in den Kosten zu teuer und zu aufwendig wurde das „Traumschiff“, weshalb sich Rudi Bausch und Egon Menzel entschlossen den“ Giganten der Festplätze“ zu veräußern. Der Moskauer „Gorky Park“ machte den beiden ein gutes Angebot und man einigte sich schnell zum Verkauf, da das Karussell eben enorme Kosten verursachte und die Volksfeste für solche riesigen Karussellanlagen nicht mehr lukrativ genug waren. Leider gibt es auch den „Gorky Park“ nun nicht mehr und das „Traumschiff“ vegetiert auf einem russischen Lagerplatz vor sich hin. So zumindest deuten es einige Fotos die im Netz kursieren. Experten zu Folge ist eine „Reaktivierung“ kaum noch möglich, bzw. auch gar nicht mehr rentabel. Und leider war es auch so, dass man in den letzten Jahren das „Traumschiff“ im „Gorky Park“ nicht einmal mehr die 90 Grad in eine Richtung schaukeln hat sehen, so wie es zu Glanzzeiten in Deutschland noch der Fall war.

Und ob es im Gegensatz zum ebenfalls verschollen geglaubten „Euro Star“ – den man tatsächlich wieder reaktiviert, aufgebaut und ans Netz gebracht hat (auch diese Anlage wurde nach der Schließung des „Gorky Parks“ einfach abgebaut und „wild gelagert“) dem „Traumschiff“ ebenfalls wieder gelingt zu „erneuten Ehren“ zu gelangen ist fraglich.

Schade um dieses optisch, wie vom Fahrgefühl her interessantes Fahrgeschäft, welches nur noch in seiner Ursprungsversion in der Nähe von Tokio zu bestaunen ist!

„BM´s“ (so der markante Schriftzug in der Aufhängung des Schiffes und die Abkürzung für Bausch und Menzel) Traumschiff würde 2021 seinen 37. Geburtstag feiern und passend zur damaligen Premiere am Hamburger Sommerdom und leider zu dieser grad schweren Zeit der Schaustellerbranche wollen wir wieder an dieses stattliche, wie schöne und „traumhafte“ Karussell erinnern, welches über unsere Festplätze schaukelte und abseits des Alltags zumindest so manchem Besucher wenigstens ein Stück von Urlaubsfeeling zu vermitteln versuchte.  Einst wie heute bleiben nur Bilder und Erinnerungen an einen Festplatz-Klassiker aus vergangenen Tagen.

Text: Thomas Schmid

Photos: Thomas Schmid, Jörg Henke, Thorsten Helfrich, Neue Revue (Archiv Schmid)