Nostalgie pur – das „Märchenkarussell“ von Michael Schottenloher

Es ist gerade eine schwere Zeit für alle Schausteller. Moderne und neue Betriebe, große Karussells und Achterbahnen, Imbissbetriebe und Spielgeschäfte stehen still, aber auch die ganzen Nostalgiefahrgeschäfte für Groß und Klein werden sich heuer vermutlich nicht oder kaum drehen. Und gerade Nostalgiekarussells haben es besonders schwer sich in Zeiten von High Tech – Anlagen zubehaupten. Ein Grund mehr einmal über einen solchen Klassiker zu berichten. Gemeint ist das wunderschöne „Märchenkarussell“ von Michael Schottenloher aus Nürnberg.

Erstbesitzer des Karussells war der oberbayerische Schausteller Paul Schmack. Nach der Reisesaison 1900 hat Paul Schmack damit begonnen die ersten Tiere per Hand zu schnitzen. Immer wenn es im Winter oder während der Saison die Zeit erlaubte widmete er sich dem Neubau seines Geschäftes. Aufgrund seiner Reisetätigkeit beanspruchte der Bau des Karussells jedoch knapp 2,5 Jahre, weshalb das Märchenkarussell dann anno 1903 zum ersten Mal auf einem Dorf in der Nähe von München aufgebaut wurde. Selbst dann jedoch war es noch nicht komplett, denn die oberen Bilder auf der Dachkante fehlten noch, ebenso wie – der Motor! Ja richtig gelesen.

Zu damaligen Zeiten war es ja nicht selten, dass Karussells generell keinen Antrieb hatten. Wie aber nun hat Paul Schmack sein Kinderkarussell betrieben? Die Lösung lag in sogenannten „Schiebern“. Das waren meist Jugendliche aus dem jeweiligen Dorf, die bei Schaustellern dann Aushilfsjobs angenommen haben. Noch anders als heute waren diese „Tätigkeiten“ sehr begehrt und sehr häufig fieberten die Jugendlichen schon Wochen vorher auf diese Jobs hin! Die Bezahlung war ebenso schlicht wie ungewöhnlich: zwei kleine Mahlzeiten und Freifahrten. Es dauerte dann noch gute weitere 7 Jahre bis Paul Schmack sein Kinderkarussell vervollständigen konnte. Das war so um 1910. Es folgten die Bilder zum Abschluss der Dachkante und so reiste dann Paul Schmack etliche Jahre mit diesem wunderschönen Eigenbau. Ab 1930 fiel dann dem Erbauer das reisen immer schwerer, denn das Alter machte sich langsam bemerkbar. Noch im selben Jahr übergabt Paul an seinen Sohn Oskar Schmack der gleich nach der Übernahme dem Karussell eine moderne Note verpasste.

Er baute Lichtleisten mit modernen Glühbirnen ein und es erfolgte auch eine Arbeitserleichterung in Form eines eigenen Antriebs, sprich eines Motors! Da bis dato immer direkt am Karussell „kassiert“, sprich die Fahrkarten am oder auf dem Karussell direkt verkauft wurden, ergänzte Oskar 1935 es mit einem kleinen Kassenhäuschen, damit die Fahrgäste bereits vor der nächsten Fahrt Karten erwerben konnten. Gegen 1962 kam das Kinderkarussell dann nach Niederbayern und zwar zu dem in Straubing damals über die Region hinaus bekannten Fredi Neufeld. Da das Geschäft bereits in die Jahre gekommen war, begann Fredi mit der Modernisierung und beschickte von nun an auch das Straubinger Gäubodenvolksfest. Neufeld überarbeitete das Märchenkarussell schrittweise und tauschte z. B. die alten Holzlichtleisten gegen die damals hochmodernen Neonröhren aus. Auch erneuerte er die wichtigsten tragenden Teile und lies neue Trichter- und Plafonbilder erstellen und mit „Märchenerzählungen“ bemalen. Allerdings gab es auch einige Probleme, denn nach den vielen Jahren machte der alte Holz-Mast Schwierigkeiten den Neufeld dann durch einen Stahl-Mast ausgetauschte. Er nutze die Gelegenheit und erneuerte den alten Zahnkranz am oberen Drehkranz und ersetzte auch gleich die Keilriemenscheibe. Da das Karussell immer noch mit einer Seilzugbremsegestoppt wurde, tauschte Neufeld auch diese noch gegen eine Hydraulikbremse wodurch es dann sanft gebremst und sicher zum Stand gebracht werden konnte.1966 war dann die Renovierung komplett abgeschlossen und Fredi Neufeld lies ein neues Baubuch erstellen.

Fortan konnte man das schöne Karussell auf namhaften Veranstaltungen wie dem Straubinger Gäubodenvolksfest oder dem Regensburger Christkindlmarkt entdecken. Aber auch auf anderen Festen in seiner Heimatregion traf man das kleine Schmuckstück oft an. Fredi Neufeld ging aber auch nach wie vor mit der Zeit und modernisierte das Karussell immer wiederim Laufe der Jahre. 1980 z. B. war die Zeit der Neonröhren vorbei. Neufeld erkannte den Stilbruch und ersetzte die Neonröhren wieder durch geschnitzte Holzlichtleisten mit den klassischen Glühbirnen.1983 erhielt Fredi Neufeld sogar eine Zulassung in Stuttgart auf dem Cannstatter Wasn – die Parallelveranstaltung zum Münchner Oktoberfest.Die Zeit strich ins Land, die Modernisierungsarbeiten gingen weiter. 1989 hat das alte Kassenhaus ausgedient und wurde durch einen neuen Kassenwagen mit Ritterburgfront ersetzt.1992 zog das Märchenkarussell dann vom zweitgrößten Volksfest, dem Bad Cannstatter Wasn auf das größte und berühmteste Volksfest der Welt, das Münchner Oktoberfest um.1999 kam krankheitsbedingt dann für Fredi Neufeld der Abschied seines Märchenkarussells und er veräußerte es an seinen heutigen Besitzer Michael Schottenloher.

Der heute noch stolze Eigentümer baute dann das Märchenkarussell zum ersten Mal auf dem „Nürnberger Wintermärchen“, anlässlich des bevorstehenden „Millenniums“ auf dem Hauptmarkt auf. Dann folgte ein großer Triumph-Zug in seiner bisherigen Märchenkarussell-Laufbahn: im Jahre 2000 hatte die IAAPA (International Association of Amusement Parks and Attractions), das ist eine große Schaustellerorganisation, welche weltweit tätig ist zum „International year oft he carousell“ aufgerufen. Aus diesem Anlass beschloss der holländische Freizeitpark „De Efteling“ nähe Tilburg undebenfalls Mitglied der IAAPA, im Oktober 2000 ein Karussellfestival zu organisieren wozu die schönsten Karussells aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien und England eingeladen wurden. Insgesamt waren 10 dieser originellen Unikate in Efteling zu bewundern – darunter auch das Märchenkarussell von Michael Schottenloher. Es wurde sogar aufgrund seiner vielen, verschiedenen, handgeschnitzten Tiere (also auch seiner Artenvielfalt) ausgezeichnet was Michael Schottenloher besonders stolz machte.

Zum 200. Jubiläumsvolksfest 2012 kehrte das Märchenkarussell dann sogar wieder zurück auf den historischen Teil des Gäubodenvolksfestes in Straubing und erfreute sich dort großer Beliebtheit. Viele Straubinger Volksfestbesucher erkannten das wunderschöne Karussell noch aus Fredi Neufelds Zeiten und schwelgten in Erinnerungen, wie uns Michael Schottenloher einmal bei einem Gespräch erzählte. Und so fuhr dann auch schon wieder die nächste Generation auf dem Märchenkarussell. Bis letztes Jahr drehte der Klassiker immer wieder seine Runden auf dem Regensburger Christkindlmarkt, sowie auf diversen Veranstaltungen in der Nürnberger Region. Ob dies auch 2021 der Fall sein wird steht noch nicht fest, aber sowohl sein Besitzer, als auch die Kirmesbesucher hoffen umso mehr auf ein baldiges Wiedersehen 2022 oder sogar schon erneut auf dem Regensburger Christkindlmarkt 2021. Wir wünschen Michael Schottenloher trotz der schweren Zeit alles erdenklich Gute und das er uns und vor allem den Kindern mit seinem Märchenkarussell bald wieder das glänzen in den Augen zurück bringt!

Text: Thomas Schmid

Photos: Thomas Schmid, Archiv Schottenloher, Straubinger Tagblatt